Auch heuer fragen mich Freunde: „Warum fährst du schon wieder nach Schottland?“
Ja, natürlich ist da diese atemberaubende Landschaft. Die Highlands, die zerklüfteten Küsten, die einsamen Strände und unzähligen Seen faszinieren mich jedes Mal aufs Neue. Doch wenn ich ehrlich bin, ist das nur ein Teil der Antwort. Der eigentliche Grund sind die Menschen.
Meine liebe Freundin Andrea hat es vor zwei Jahren einmal treffend formuliert:
„In Schottland glauben die Menschen noch an das Gute.“
Genau dieses Gefühl begleitet mich bei jedem Aufenthalt.
Schottland ist für mich Erholung für die Seele. Überall begegnet man Herzlichkeit, Offenheit und einer Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander, die mich immer wieder berührt. Man kommt leicht ins Gespräch, nimmt sich Zeit füreinander und begegnet anderen mit Verständnis und Gelassenheit.
Selbst mit unserer läufigen Hündin erleben wir ausschließlich Rücksicht und Hilfsbereitschaft. Niemand reagiert genervt oder verständnislos – stattdessen wird gemeinsam nach einer unkomplizierten Lösung gesucht.
Es sind oft die kleinen Gesten, die den Unterschied machen. Mancherorts bleiben Haustüren unversperrt, Autofenster offen, und Vertrauen scheint noch ein fester Bestandteil des Alltags zu sein.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Wanderung im vergangenen Jahr. Mein jüngerer Sohn und ich waren nach einer langen Tour ziemlich erschöpft und hatten noch einen weiten Weg bis zu unserem Auto vor uns. Eine Familie bemerkte unsere Situation und bot uns spontan an, uns mitzunehmen – obwohl sie dafür einen Umweg in Kauf nehmen musste. Für sie war das keine große Sache. Für uns war es eine Geste, die wir nicht vergessen werden.
Auch wenn der Hund aus dem Nachbar-Cottage einmal ausbüxt, suchen alle selbstverständlich mit – auch wir. Anschließend wird man oft noch auf ein Plauscherl eingeladen. Begegnungen entwickeln sich ohne Eile, und aus Bekanntschaften entstehen nicht selten echte Freundschaften.
Genau diese vielen kleinen Momente machen jede Reise besonders. Es sind Begegnungen, Gespräche und Gesten, die lange nachwirken und ein warmes Gefühl hinterlassen.
Sogar im Straßenverkehr dominiert meist gegenseitige Rücksichtnahme. Man lässt einander den Vorrang, denkt mit und begegnet sich respektvoll.
Auf den Äußeren Hebriden sagte uns einmal ein älterer Herr:
„Man muss sich hier gut verstehen und vertragen, denn in Krisensituationen ist man aufeinander angewiesen.“
Dieser Satz hat mich bis heute nicht losgelassen.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis. Vielleicht entsteht ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl dort, wo Zusammenhalt wichtiger ist als das eigene Ego. Oder vielleicht verlieren wir in unseren dicht besiedelten Städten genau das aus den Augen.
Ich weiß nicht, woran es letztlich liegt.
Ich weiß nur, dass ich jedes Mal mit demselben Gedanken nach Hause fahre:
Genau so sollte sich Miteinander anfühlen.
Ich versuche immer, ein Stück dieser schottischen Gelassenheit und Freundlichkeit mit nach Wien zu nehmen. Leider stoße ich dort nicht immer auf dieselbe Offenheit. Manchmal wird Hilfsbereitschaft eher ausgenutzt als wertgeschätzt.
Eigentlich ist das schade. Denn ein respektvoller Umgang miteinander würde unser Zusammenleben so viel einfacher und schöner machen.
Mein Fazit:
Schottland begeistert mit seiner beeindruckenden Natur.
Seinen wahren Zauber entfaltet das Land jedoch erst durch die Menschen, die dort leben. Ihre Herzlichkeit, ihr Vertrauen und ihre Hilfsbereitschaft machen jede Reise zu etwas Besonderem.
Und genau deshalb kehre ich immer wieder dorthin zurück und es ist die Heimat meines Herzens geworden





